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Thema: Nordkapp


  1. #1
    Miu
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    Standard Nordkapp

    Hallo meine lieben Schwalbenfreunde.

    ich habe im vergangenen Jahr eine Tour an das Nordkapp gemacht und weil ich immer wieder höre, dass auch Andere Ähnliches vorhaben, möchte ich hier einmal meine Eindrücke zum Besten geben.


    Ich habe im August ein lang gehegtes Vorhaben realisiert. Eine Reise, von der ich mir versprochen habe, dass sie ein Abenteuer werde würde. Es begann an einem Freitagmorgen. Ich habe meinen Seesack mit Zelt, Isomatte, Kleidung, einem Feldkocher und allerlei wichtiger Utensilien gepackt. Die Satteltaschen waren voller Ölflaschen und Ersatzteile. In den letzten zwei Jahren habe ich gelernt, was alles kaputt gehen kann und da meine Schwalbe nie in den Genuss einer Komplettrestauration gekommen ist, musste ich davon ausgehen, dass jedes dieser Teile unabdingbar war.

    Mein Nachbar stand schon mit seinem Sohn im Garten und wartete, während ich mein Gepäck verstaute und verzurrte. Skeptische Blicke beobachteten, wie immer mehr Platz auf der Sitzbank unter den Taschen verschwanden, bis nur noch ein 10 cm langer Streifen schwarzen Kunstleders hervorlugte, wie die Zunge eines Hundes, der zu lange in der prallen Sonne gestanden hatte. Es gab aber kein Zurück mehr, die Fährentickets waren gekauft, der Helm mit Fell bezogen und die Reisekasse war voll genug.





    Ich zog die Schwalbe vorsichtig nach vorne von ihrem Ständer und zwängte mich zwischen Seesack und Lenker über den Motortunnel auf die Sitzbank. Es war so weit. Zögerlich hochfahrend surrte ich auf dem Moped vom Hof und in großzügig ausschweifenden Kurven fuhr ich auf die B6 Richtung Meißen auf. Auf den ersten Kilometern war ich bestimmt übervorsichtig, mir war ja nicht bekannt welchen Ansprüchen der alte Stahlrahmen noch standhalten würde, zumal vom Federweg nicht viel übrig war. Das Öl sickerte mit jedem Schlagloch aus den vorderen Stoßdämpfern und immer wieder blickte ich nach hinten, dass ich auch ja rechtzeitig ein mögliches Lösen meiner Fracht bemerkte. In Meißen bog ich ab auf die B101 die sehr steil aus dem Elbtal herausführte bis plötzlich ein Geräusch wie von einem Stapel Papier zu hören war, der plötzlich in der Luft zerrissen wurde. Ich kuppelte sofort aus und das kraftlose Surren des Motors machte deutlich, dass sich der Kolben in die Zylinderwand fraß. Davon auszugehen, dass ein frisch ausgeschliffener Zylinder nach gerade einmal 600 km ausreichend eingefahren ist, um bei doch recht warmen 25°C, 7% Steigung zu schaffen, war vielleicht etwas blauäugig, aber letztlich ließ sich das Motörchen nach ein paar Minuten wieder starten.

    Auf dem Weg nach Berlin hatte ich dann noch 2 weitere Klemmer, und so wie der Motor klang, ging ich nicht davon aus, mein zweites Etappenziel „Rostock“ je zu erreichen. Ich war am Abend nach ungefähr 8 Stunden einfach nur froh in Berlin - Frohnau angekommen zu sein.
    Berlin Frohnau war kein willkürliches Ziel. Hier hatte ich Verwandtschaft, die mich mit offenen Armen empfing und mich für einen Tag durchfütterte und mich noch einmal in den Genuss zivilisatorischer Vorzüge kommen ließ: Dusche, Fernseher, Internet … das Alles sind Sachen die ich für 2 Wochen nichtmehr sehen sollte.


    Aber ehe ich mich diesem Luxus hingeben konnte, hieß es erst einmal technische Wartung. Ich weiß nicht wie ich so schusselig sein konnte, aber als ich das Moped in den Garten schob, um dort den Motor zu zerlegen, bemerkte ich nicht, wie sich einer der Zurrgurte im Hinterrad verwickelte und so straff gezogen wurde, dass er meinen Kettenkasten zermalmte. Jetzt war der Tag perfekt: 3 Kolbenklemmer, ein kaputter Kettenkasten und dann auch noch ein zerbrochener Kettenspanner. Immerhin: dank dieser Wartung viel mir auf, dass mein 10er Schraubenschlüssel nicht da war – mein Onkel lieh mir seinen ( ich haben ihn immer noch ).




    Als ich den Kolben demontiert hatte, waren deutlich zwei schweißpunktgleiche Spuren an der Auslassseite zu sehen – das waren die Kolbenklemmer. Einer der Kolbenringe war auch fest und ließ sich nur mit brachialer Gewalt und unter zu Hilfe nahme eines Schraubenziehers lösen. Der Kettenkasten aber war nichtmehr zu retten, den habe ich komplett demontiert. Nach kaum 3 Stunden war alles wieder in Ordnung und meine erste Kleidergarnitur nicht mehr zu gebrauchen.

    Zwei Tage später, am Sonntag, begann das Prozedere vom Freitag: Packen. ( Ich wurde im Laufe der Zeit immer schneller, so dass, als ich später auch das Zelt täglich nutzte, nach 45 Minuten die Abfahrbereitschaft hergestellt war. ) Mein Onkelchen machte noch ein paar letzte Schnappschüsse von mir in meinem bärigen Helm und stand dann mit meiner Tante und meinen Cousins und meiner Cousine Spalier, um michin den hohen Norden Deutschland zu entlassen.



    Und ich muss sagen, dass die Landschaft in Mecklenburg-Vorpommern mit seinen hügeligen, goldgelben Getreidefeldern wunderschön war.



    Auch an diesem Tag habe ich knapp 200km zurückgelegt und kam nach 8 Stunden im Fährhafen von Rostock an. Da ich noch nie mit einer Autofähre unterwegs war, hielt ich es für ratsam mich nach dem Prozedere am nächsten Morgen zu erkunden.

    Es war mittlerweile schon Abend geworden und ich hatte im nahegelegenen Hafen einen Parkplatz gefunden, der nicht mehr genutzt wurde. Auf einer anliegenden wilden Wiese baute ich zum ersten Mal mein Zelt auf. Und kaum war ich fertig schüttete es wie aus Eimern.
    Völlig fertig legte ich mich schlafen und hoffte, dass erstens: mein Handy mich am nächsten Morgen rechtzeitig weckt und zweitens: ich in Ruhe wenigstens etwas Schlaf finden würde, ehe ich am nächsten Morgen um 05:00 wieder aufstehen muss. Aber naja .. Erstens kommt alles Anders und Zweitens ... als man denkt. Irgendwann gegen 01:00 oder so wachte ich auf – mein Zelt war hell erleuchtet und draußen surrte ein Automotor. Als ich herausschaute, blinzelte ich für ungefähr 2 Minuten in die strahlenden Augen eines Transporters, dann setzte ich mich wieder ins Zelt. Als sich der Wagen dann wieder in Bewegung setzte, bemühte ich mich noch einmal nach draußen und erhaschte nur noch einen flüchtigen Blick auf die aufblitzende Reflektorschrift an der Seite des Wagens. Ich nehme an es war die Polizei, und als sie gesehen haben, dass ich kein schwarzafrikanischer Flüchtling war, sind sie beruhigt abgefahren. Kaum 5 Minuten später weckte mich mein Handy –es war 05:00 Zeit zum aufstehen.

    Dichter Nebel legte sich über ganz Rostock und lichtete sich allmählich, während ich im Hafen darauf wartete in die Fähre fahren zu dürfen. In der Spur neben mir hielt ein Auto. Vielleicht ist Auto eine mittelgroße Untertreibung. Die Räder waren so groß wie ich selber, der Lufteinlass zum Motor führte an der Fahrerkabine entlang auf das Dach, die Bunkertüren wahren mit massiven Riegeln versehen und das ganze Ungetüm war in einem khaki-gelb angestrichen. Ich musste gar nicht auf das Nummernschild sehen um festzustellen, dass dieses total übertrieben Survival-Monster aus Deutschland kam. Die Riegel der Seitentür bewegten sich und auch, wenn das vielleicht meiner Phantasie geschuldet ist, meine ich doch ein Zischen komprimierter Gase, der entweichenden künstlichen Atmosphäre, gehört zu haben.



    Aber da kam auch schon das Serviceauto um den Startbefehl zu geben.
    Ich war, wie auch auf den späteren Fähren, das einzige Zweirad und hatte die freie Wahl zwischen 10 Parkbuchten. Nachdem also alles ordentlich verstaut war suchte ich den Waschraum um mir erstmal die Haare zu waschen. Frisch gepflegt und für die zivilisierte Gesellschaft bereit, suchte ich mir in der Cafeteria eine gemütliche Ecke und pumpte mich mit Kaffee voll. Der Wetterbericht des Schwedischen Fernsehens verhieß gutes Wetter in Schweden und ein verregnetes Norwegen – ideal für mich also.

    Nach 6 Stunden dockten wir im Hafen von Trelleborg an und ich machte mich erstmal auf den Weg in die Wechselstube und dann in den Supermarkt. Zwar war mir klar, dass die Schweden keinen Euro haben, dass aber der gängige Preis für Irgendwas bei 25 Kronen liegt, schockt einen doch irgendwo.

    Da ich aber noch gar nicht wirklich an diesem Tag gefahren bin, wollte ich wenigstens 150 km in den verbleibenden 3 Stunden schaffen.





    Auf meinem Weg, den ich leider nicht genau nach vollziehen kann, weil ich mich blind an mein Navi gehalten habe, kam ich an eine rote Baustellenampel – ohne Baustelle! Nach 5 Minuten wurde ich Skeptisch und nach 10 Minuten verlohr ich die Lust und entschloss mich nach weiteren 5 Minuten einfach zu fahren, was ich glücklicherweise nicht gemacht habe, denn nach just 5 Minuten kam ein Fahrzeug mit gelbem Blinklicht gefolgt von einer Kolonne mit nicht weniger als 12 Autos am Horizont. Weitere 5 Minuten später hielt das Führungsfahrzeug und wendete. Auf seiner Rückseite leuchtete ein Schild auf, dessen Inhalt ich mal mit „Bitte folgen“ interpretiere ( das Schwedische ist im geschriebenen Wort doch recht verständlich ) Ich und die Anderen, die sich in der Zwischenzeit hinter mir eingefunden haben, folgten also diesem Baustellenauto für … ich weiß nicht? Vielleicht 10 km? Und warum das Ganze? Irgendwo auf dieser Strecke wurde aktuell gebaut und da sich unter normalen Umständen kein Schwein an das Tempolimit von 30 km/h hält, pendelt den ganzen Tag ein einsamer Bauarbeiter hin und her, damit ja Keiner schneller fährt. Okay - da stellt sich nun auch wieder die Frage, warum gleich so viel Strecke gesperrt wird. Dazu muss man aber wissen, dass die Schweden, wenn sie eine Straße ausbessern, das ganze Ding neu machen – an ein oder zwei Tagen. Und ganz allgemein kann ich sagen, dass, wo auch immer ich war, die Straßen ( abgesehen von Feldwegen ) wesentlich besser waren, als der Flickenteppich, der in Deutschland Gang und Gäbe ist.


    Bei der 116 – glaube ich – habe ich in etwa auf Höhe Allarp für diese Nacht mein Lager aufgeschlagen – in einem Wald – alleine. Hier wurde mir klar, dass, auch wenn ich in Europa bin, dem was-soll-schon-passieren-Länderbund, ich hier völlig alleine bin, auf mich gestellt und alleine im Straßengraben verreckend, wenn mich irgendein russischer LKW vom Asphalt schubst. Sagen wir einfach, ich war nicht besonders gut drauf an diesem Abend.
    Also ein Plan – immer wenn’s scheiße läuft braucht man einen Plan! oder göttlichen Beistand – ich verlass mich in der Regel auf Ersteres.

    Ungefähr 800 km nördlich von meinem Nachtlager lag Stockholm, das sind zwei Tagesetappen mit je 8 Stunden Fahrzeit. Und in Stockholm lebte zu diesem Zeitpunkt eine Bekannt mit ihrem Hund – Jemand der meine Sprache spricht und den ich kenne! Das Ziel war also gesetzt und begleitet von der ständigen Angst, es könnte ein Defekt auftreten der mich und mein Moped trennen würde, und begleitet von der anhaltenden Müdigkeit der letzten Nacht habe ich am zweiten Tag in Schweden 400 km geschafft. Das sind immerhin 8 Stunden Fahrt mit Mittagspause und bei einer Reisegeschwindigkeit von 54 km/h. Belohnt wurde ich dafür mit einem verlassenen Badesee mit kaltem Wasser und einer Zigarette.




    Also hab ich ein Bad genommen und eine Kleinigkeit gegessen. Es war auch an der Zeit meinen Kontakt bei Stockholm zu kontaktieren, die dummerweise nicht ans Telefon ging.
    Glücklicherweise antwortete Sie aber auf meine SMS.
    Jedenfalls konnte ich mich an diesem Tag ( es war übrigens der 20.08 ) über Allerlei Premieren freuen:

    zum ersten Mal bin ich 400 km am Stück gefahren
    zum ersten Mal habe ich an einem Tag 2 Tankfüllungen verfahren
    zum ersten Mal floss schwedischer Spritt durch die Adern meiner Schwalbe
    zum ersten Mal habe ich unglaubliche 240 km mit einer Tankfüllung geschafft

    Nach einer vergleichsweise guten Nacht standen noch 400 km zwischen mir und meinem ersten großen Etappenziel. Die waren dann auch ein Klacks.
    Am Nachmittag erreichte ich Uppsala ( gesprochen: Upsa-ala ). Und nachdem ich endlich Claudias Haus gefunden habe, hieß es Pause machen und Zeltaufbauen. Die Nachbarstochter hatte schon voller Sorge wegen des Freaks, der da mit einem Fell-überzogenen Helm im Garten rumsprang ihre Mutter angerufen, die wiederum Claudia informierte, die wiederum mich anschrieb. Also war nichts mit Überraschung.
    Nach 4 Tagen in Bewegung kann man nicht stillsitzen, also hab ich mich auf den Weg in die Stadt gemacht um Postkarten zu schreiben und Claudia beim Gebrauchshundeverein zu besuchen.

    Nach einem kurzen Plausch mit den anderen Hundeführern und Claudia ging`s dann „nach Hause“ wo ich mit Claudia was Richtiges gegessen habe und wir über meine Reise und alte Erinnerungen gequatscht haben. Claudia war so weise mir einen Tag Rast nahezulegen mit dem Hinweis, dass ich mir ja mal Stockholm ansehen kann.
    Stockholm – achja! Die bisher interessanteste Hauptstadt, die ich gesehen habe. Die Ost-West-Straßen verlaufen bis zum Hafenbereich über den Nord-Süd-Straßen. Und sind wesentlich ruhiger.






    Würde ich jetzt versuchen Stockholm näher zu beschreiben, würde ich in absehbarer Zeit nicht fertig, daher lass ich es einfach. Einen Hinweis für motorisierte Globetrotter habe ich aber noch: Mein Navi hielt an der Behauptung fest, dass man nicht von Uppsala nach Stockholm kommt. Der Grund dafür war merkwürdig und witzig zugleich. Ich hatte nur befestigte Landstraßen für die Navigation zugelassen, also keine Fähren, Autobahnen, Mautstraßen und unbefestigte Landstraßen. Das war ein Fehler, denn um nach Stockholm zu kommen muss man über eine Mautstraße. Diese Maut gilt aber nur für Schweden, deren Nummernschild automatisch durch Scanner erfasst wird. Verkehrstechnisch ist Schweden der absolute Horror! Ich war in einem Mopedladen und hab dort Getriebeöl gekauft, das waren sehr nette Leute, die nicht unbeeindruckt von mir waren – und meinem Helm fanden Sie auch witzig… zum Teufel mit dem Helm – ich bin mit nem 31 Jahre alten DDR Moped von Dresden nach Stockholm gefahren und ich habe den Weg in das Zentrum von Stockholm gefunden – und die fanden meinen Helm witzig!

    Nunja - zurück bei Claudia gab`s ein leckeres Abendessen mit Nürnberger Würstchen aus`m schwedischen Lidl.
    Unter Einbeziehung von Claudias Ratschlag plante ich in den nächsten zwei Tagen bis nach Umeå zu fahren. Dort hatte ich dann die Möglichkeit bei nachlassenden Kräften über die Fähre nach Finnland abzukürzen, um dann nach weiteren 2 Tagen bei meiner Schwester in Tampere zu sein.

    Zwischenzeitlich hatte sich auch herausgestellt, dass die Navigation mit GPS für Mopeds nicht immer ideal ist. Auch hier wusste Claudia guten Rat. Die Straße „E4“ wurde in den vergangenen Tagen zeitweise zur Autobahn und damit für mich nicht nutzbar. Straßen in Schweden sind eh sehr speziell.

    ( Solange man auf einer Straße mit Tempolimit 80 unterwegs ist, gibt es einen großzügigen Seitenstreifen für langsame Fahrzeuge und zwei Spuren in jede Richtung. Sobald das Tempolimit aufgehoben wird, verkommt der Seitenstreifen zu dem was er ist – einem Streifen weißer Farbe von 10 cm Breite, die Straße wird einspurig und Leitplanken machen die Flucht unmöglich. Während ich also auf diesem weißen Streifen fahre und um mein Leben bange, überholen mich fortlaufend LKW`s mit einer handbreit Abstand und schütteln mich mit ihren Luftverwirbelungen ordentlich durch. )




    Zurück zur Route. Die E4 ist nördlich von Stockholm, wenn ich mich recht entsinne nur noch sehr kurzzeitig Autobahn und sehr angenehm zu fahren. Am ersten Tag nach Claudia hab ich’s bis nach Ullånger geschafft ( hier gab’s eine wundervollen kostenlosen Campingplatz direkt an der Straße mit See und Ruderboot und allem Drum und Dran ) und am Tag danach bin ich nicht nur durch Umeå durch, sondern auch noch bis nach Luleå, was am nördlichen Ende von Schweden liegt. Hier hielt ich Ausschau nach langer Unterwäsche, weil Ende August - Anfang September die Morgende doch recht kühl sind und die Wahrscheinlichkeit für Regen immer weiter anstieg. Gefunden hab ich aber nichts, stattdessen gab’s Fressburger ( die heißen wirklich so ) und ein gemütliches Nachtlager in der Pampa.

    Ich habe festgestellt, dass zwei Tage nach dem letzten Kontakt das Gefühl der Einsamkeit gar nicht mehr so schlimm ist, aber es bleibt die Sorge um einen technischen Totalausfall oder Schlimmerem.

    In Luleå allerdings lagen die Karten auf dem Tisch – es gab kein Zurück mehr, wenn ich mich ranhalten würde, dann könnte ich mein optimistisches Ziel schaffen und in einer Woche bei meiner Schwester und ihrem Mann sein.




    In Muonio befuhr ich erstmals auf meiner Reise Finnischen Boden. Hier konnte ich auch zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder ein paar Brocken Finnisch reden ( ich kann ja gar kein Finnisch ). Ich hielt mich also entlang der Nordlichtroute. Wer auch immer nach Norwegen fahren möchte, dem sei diese Straße ans Herz gelegt. Nirgends habe ich eine so abwechslungsreiche Natur gefunden – Birkenwälder, große Seen, Rentiere liegen auf jedem Granitfelsen rum und räkeln sich in der Sonne, die Birkenwälder werden zu Ansammlungen kleiner struppiger Gebüsche und mit einem Mal ist man in der Grassteppe und ein kühler Wind weht einem um die Nase.















    Ganz nebenbei führt diese Route durch alle drei nordischen Länder. Noch am selben Tag habe ich den nördlichen Teil von Finnland durchquert und erreichte am späten Abend die Norwegische Grenze. Ein Grenzer steht dort Wache und winkt Jeden durch, der es bis hierhin geschafft hat.




    Claudias Nachbar sagte mir, dass ich im Norden aufpassen muss, dass mir nicht der Spritt ausgeht und tatsächlich muss ich doch gestehen, dass mir die ein oder andere Schweißperle durch die Haut sickerte, als ich realisierte, dass das nächste Örtchen einfach nicht näher kommen wollte.
    Mittlerweile war der Ersatzkanister vertankt und der Reservehahn aufgedreht und es lagen vieleicht noch 20 km zwischen mir und Kautokeino. Ganz sicher kann ich mir nicht sein, weil seit einer Weile meine Energieversorgung nicht mehr funktionierte. Alles was durch die Batterie versorgt wurde war unbrauchbar geworden - Blinker, Hupe, Ladebuchse, Handgriffheizung, Lichthupe und die Lichtleistung des Scheinwerfers hatte merklich nachgelassen.
    Nach einer Weile traf ich auf eine Gruppe von 4 alten Finnen die dort Urlaub machten. Leider waren Sie weder des Deutschen noch des Englischen mächtig und meine rudimentären Finnischkenntnisse machten es mir nicht leicht eine Frage zu formulieren. Alles was ich herausgefunden habe war, dass irgendwann noch eine Stadt kommt.
    Ich hatte Glück und schaffte es bis nach Kautokeino.
    Grob überschlagen kann man von einer Distanz von ca. 100km zwischen den Orten nördlich des Polarkreises ausgehen, somit war, wenn man den etwas umsichtig war, war die Sprittversorgung kein Problem.
    An diesem Tag wollte ich dann auch nicht mehr weiterfahren, der nächstbeste Feldweg sollte mich zu meinem Nachtlager führen. Mir entgegen kam ein Quad mit so‘nem Jungspunt der Spaß daran hatte durch die tiefsten Pfützen zu fahren. Das war mein Glück, denn sonst wäre ich leichtsinnig-mutig in eine Pfütze gefahren, in der schon das Quad halb versunken ist. Wie ich noch vor der Pfütze stand und mich umdrehte, um zu schaun, wie weit zurück der letzte Abzweig vom Weg war, sah ich den Jungen am anderen Ende des Weges stehen, wie er mich beobachtete und darauf wartete, dass ich in der Pfütze kentere und ertrinke.
    Den Gefallen wollte ich Ihm nicht tun. Stattdessen fuhr ich über einen anderen Weg weiter in die Steppe. Hier war es verlassen und ich war versteckt, gleichzeitig aber nicht zu weit von der Stadt weg, falls ich vor einem Grizly weglaufen müsste.










    Allerlei Knochen lagen herum und Haariger Kot, aber das Zelt stand schon und ich war müde.
    Auch diese Nacht war irgendwann vorbei. So weit nördlich wird es übrigens selbst um diese Zeit nichtmehr richtig dunkel.
    Bislang wollte ich auch noch für jedes erblickte Rentier eine Kerbe in mein Schutzblech ritzen. Glücklicherweise habe ich das immer verpennt, denn wie ich über eine unscheinbare Erhebung fuhr öffnete sich die Skandinavische Steppe und hunderte von Rentieren weideten dort in eingezäunten Gehegen. Immer mal wieder fuhr ich an vereinzelten Grundstücken vorbei, auf deren Höfe sehr große Tipis standen. Diese werden von den Sami verwendet, wenn sie im Winter ihre Rentierherden in neue Futtergebiete führen, wie mir ein Tankstellenpächter erklärte.






    Die Strecke zwischen Kautokeino und Olderford war noch bezaubernder als Alles was ich bisher gesehen habe. Steppe wechselt sich mit dem verbliebenen Gebirgsrumpf ab. Diese Berge stehen auf der Ebene und bröckeln seit Jahrtausenden vor sich her. Ein unglaublicher Anblick, während man der meandrierenden Straße folgt. In Olderford kam ich nun an eines der berühmten Fjörde. Von hieraus waren es noch 100 Kilometer bis zum Nordkap. Eine lächerliche Nichtigkeit verglichen mit dem was ich bisher gefahren bin und noch vor mir hatte, wenn ich es bis nach Hause schaffen wollte. Ziemlich abrupt änderte sich nun auch die Witterung. Das bislang warme und trockene Norwegen wurde feucht und kühl. Am Meer leckten die Rentiere die Algen von den Steinen und auf den Lippen schmeckte man das Salz von Meer und Schnodda.
    Die Felswand, die mir über die Länge des Fjördes nach Westen hin Windschutz gab, beendete nun die Straße. Ein Loch in der Felswand führte steil in den Keller der Norwegischen See hinab. Ungelogen 10 Minuten bin ich bis auf den Meeresgrund herabgerollt und dann noch einmal weitere 10 Minuten geradeaus, bis ich mich im zweiten Gang steil die Küste herauf quälte.
    Hier war ich nun. Die Insel MagerØya hat mich mit frischer warmer Luft empfangen ( verglichen mit diesem feuchten Weinkeller, den man hierher durchqueren musste ). Der Ort Honningsvåg, der im Osten der Insel liegt, behauptet von sich der nördlichste Ort Europas zu sein, was genauso wahr ist wie die Aussage, dass das Nordkap der nördlichste Punkt des Europäischen Kontinentes ist.
    Aber es gibt einen Flughafen, ungefähr 2400 Einwohner und bestimmt viel Geld durch den Tourismus.
    Es war mein Glück, dass um diese Jahreszeit noch kein Schnee liegt, denn sonst hätte ich, um auf den Hügel zu kommen, auf dem das Nordkap liegt, auf den Schneepflug warten müssen, der die Schranke öffnet. Aber selbst ohne Schnee war ich definitiv zu lange auf dieser feuchten Insel unterwegs. Irgendwann jedoch habe ich den Gipfel erklommen, die Straße wird weiter und führt zu so etwas wie einem Grenzposten. Für einen Augenblick dachte ich schon ich wäre falsch abgebogen und in Island gelandet. Es handelte sich tatsächlich um den Eingang zum Nordkap.
    Die nette Norwegerin luchste mir trotz Studentenrabatt knapp 170 Kronen ab und meinte dazu:"You can come tomorrow too.", aber I DON'T WANT TO COME TOMORROW TOO!- Billiger wurde es trotzdem nicht. Ich hab erstmal ein paar schlechte Bilder von mir vor der Kugel gemacht, dann einen Kaffee getrunken - 10 Kronen - , Postkarten gekauft - 200 Kronen - , geschrieben, und abgeschickt - 220 Kronen.
    Dann bin ich nochmal raus und hab eine deutsche Touristin gefragt, ob sie ein Foto von mir machen kann und ab ging‘s wieder in den trockenen Süden.



    Auf dem Weg nach unten traf ich dann noch einen Radfahrer, der mir schon auf dem Weg nach oben aufgefallen ist. Ich rief ihm zu:"Where are you from?", und was antwortete er? Na klar ! "Germany". Der Gute hieß Daniel und war aus Köln. Mit dem Fahrrad ist er von Lübeck über Oslo und Schweden in … ich glaube fast 2 Monaten, bis ans Nordkap gefahren. Respekt!
    Aber sein Kommentar zu mir war:"Fahrradfahrer und Wanderer hab ich hier schon Einige gesehen, aber mit'm Moped ist schon ungewöhnlich ... Kann ich ein Foto von dir machen?"





    Im Hintergrund sieht man den Regen kommen, also hab ich die Reifen unter die Kotflügel genommen und meinen Weg runter von dieser Insel gesucht. In meinem ganzen Leben habe ich auf dem Moped noch nie so brutalen Wind erlebt wie an diesem Abend.
    Doch letztlich - nach gefühlten 5 Stunden habe ich nass und arm MagerØya verlassen. Kaum war ich wieder im Fjord, da ließ plötzlich unter einem lauten Knacken der gewohnte Zug am Gasdrehgriff nach und der Motor bremste mich langsam, aber sicher, bis ich zum stehen kam.
    Mit dem Regen im Rücken und der Gewissheit, dass der morgige Tag noch feuchter werden würde ging's an die Fehlersuch. Nach 3 Minuten stand fest, dass der Schieber des Gasdrehgriffes ( MZA Nachbau ) in drei Teile gebrochen ist und den Bowdenzug beim Drehen des Gasgriffes nicht mehr mitnehmen konnte. Einen Ersatzschieber hatte ich nicht und den Bowdenzug konnte ich nicht lösen. Ich habe also den Ersatzbowdenzug verbaut. Jetzt konnte ich mit der rechten Hand Gas geben, in dem ich am Bowdenzug zog, während ich mit links steuerte. Weil sich der Bowdenzug immer wieder beim lockerlassen verkeilt hat, schleuderte ich mit einer lockeren Handbewegung am Gaszug - das sah von außen bestimmt komisch aus, aber angefühlt hat es sich, als würde man die Züge eines Ponnys in Händen halten.

    Am Abend erreichte ich so das Ende des Fjordes und baute in der Dämmerung um 22:00 mein Lager auf. Lange hatte ich schon nichtmehr so gut geschlafen wie in dieser Nacht.
    Bis nach Tampere waren es von hier aus vielleicht noch ungefähr 4 Tage und 1300 km.
    In Utsjoki kam ich wieder nach Nord-Finnland und hier gibt's vergleichsweise wenig zu sehen, zugegebenermaßen war ich aber sehr verwöhnt von den letzten Tagen.








    Ein kurzer Regenschauer hatte mich eingenässt. An einer Tankstelle zog ich den Müllbeutel über meinen Seesack und bastelte mir aus meiner Rettungsdecke eine wasserundurchlässige Unter-Hose.



    In Rovaniemi erhaschte ich einen flüchtigen Blick auf die Stadt des Weihnachtsmannes.
    Hier nahm auch der Verkehr merklich zu und die "Bundesstraßen" wurden abschnittsweise zu Autobahnen.

    In einem Ort mit Namen "Ii" (Namen gibt's...) , wie ich gerade lese, ging's dann nicht mehr weiter. Der Motor drehte völlig frei und sang eine Arie auf das schöne Skandinavien. Ich war nur froh, dass ich soweit südlich war. Hier gab es Werkstätten und schlimmstenfalls konnte mich mein Schwager abholen. Mein erster Verdacht war ein Getriebeschaden oder eine abgenutzte Kupplung. Als ich den Ölstand kontrollieren wollte, viel mir die winzige Schraube, die man dazu rausschrauben muss herunter und war weg. Ein Blick durch den Ölnachfülleinlass, ließ keinen Schaden erblicken und wenn ich's mir jetzt so überlege, war meine Vermutung auch nicht wirklich sinnvoll, denn wäre dies der Fall gewesen, hätte ich keine Aire gehört sondern ein Stück der "Mieskuoro Huutajat" also ... nichts Schönes! der nächste Schritt war die Suche nach der Schraube, die sich einfach nicht finden lassen wollte. Während ich um das Moped herumschländerte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Es war nur die Kette - die Kette ist vom hinteren Zahnrad abgesprungen. Wäre nicht die Schraube verschwunden, hätte ich den Motor auseinandergenommen, obwohl nur die Kette abgesprungen war!
    Das die Kette abgesprungen war hatte auch sein Gutes. Das hintere Kettenrad war absolut rundgelutscht und hätte keine 300 km mehr ausgehalten. Ich wäre also irgendwo in Schweden liegengeblieben, hätte ich das nicht gemerkt.
    Die Schraube hatte sich wieder eingefunden und die Reise konnte weitergehen.

    Mangels Navi musste ich mich auf meine Karte verlassen, die leider nicht angab wo genau eine Autobahn ist. So kam es, dass ich auf dem Weg nach Oulu "ausversehen" auf die Autobahn kam. Herrlich! ein breiter Seitenstreifen und kaum Verkehr - was wollte ich mehr. Aber wie ich der Autobahnabfahrt Oulu kää oder sää immer näher kam wurden die blauen und roten Blinklichter am Horizont immer deutlicher. Vor mir stand ein schwarzes Auto zwischen den Fahrspuren und machte mit Blaulicht auf sich aufmerksam. Ich hoffte auf eine, nicht an mich gebundene Anwesenheit. Die Finnische Poliisi kennt die Fahrzeuge aus der DDR nicht, genauso wenig wie die Kennzeichen für Mopeds in Deutschland. Ich baute meine Hoffnung auf diese Tatsachen und machte mal vorsichtshalber das Licht an um Ihnen einen Grund weniger zu geben mich anzuhalten ... und tatsächlich! Es hat funktioniert - Sie waren mir nicht gefolgt! Ich stand nun an der Ampelkreuzung Oulu sää oder kää und wie es gerade Grün wurde, raste der Polizeiwagen mit Sondersignal an mir vorbei, passte sich meiner Geschwindigkeit an und ein Arm wurde aus dem Beifahrerfenster in Richtung Bushaltestelle gereckt. Alles Klar! Also wie ich nun in die Bushaltestelle rollte und mein Moped aufbockte, stiegen die Polizisten aus ( Finnische Polizisten sind sehr respekteinflößend. Sie haben immer kurze Haare und sind breit wie Schränke ... und was für mich sehr schlecht ist: die lachen nicht! )
    In meiner Euphorie auf dieser Reise doch noch ein Polizeiauto von innen sehen zu dürfen, oder gar ein Knasttatoo zu bekommen, grüßte ich die Herren Polizisten mit einem freudigen:"Hyvä Päivää, Mitä kuulu?". Daraufhin sagte der jüngere der Polizisten ... irgendwas... Nun ... wir verständigten uns also auf Englisch und nachdem das gewöhnliche Prozedere einer Polizeikontrolle vorbei war, schob mir der Kollege, in einer zur Kooperation auffordernden Art, ein Gerät entgegen, in das ich ganz offensichtlich hinein pusten sollte. "Blow in!" Meinem äußeren Erscheinungsbild und dem Zustand meines Mopeds ( das Sie glücklicherweise nicht inspizierten ) war es wohl verschuldet, dass die Beiden von dem Ergebnis "0,0" etwas überrascht schienen. "Where are you from?", fragte der Jüngere."Germany", antwortete ich. "Where have you been?", fragte er. Ich drehte meinen Kopf leicht über meine Schulter hinweg um seinen Blick auf die Flaggen an meinem Moped zu lenken und sagte:"...äähhh... North-kap?". Unbeeindruckt fragte er:"Where are you going too ?". "Tampere", antwortete ich. Und mit einem sehr deutlichen ,melodischen und verdutzten "Tampereee?" Wobei er die erste Silbe sehr stark betonte und das letzte "e" langsam aushauchte, war mir klar, dass diese Antwort nicht erwartet wurde.
    Der Polizist wies mich an, in das Auto einzusteigen und fragte mich immer wieder, ob das mein Moped sei und ob das wirklich mein Führerschein ist, den ich ihm da gegeben hatte.
    Im Großen und Ganzen konnte ich nicht meckern. Es wurde dokumentiert, dass ich verwarnt wurde nie wieder mit einem Mopo auf der Autobahn zu fahren und auf meine Entschuldigung hin sagte der Jüngere auf einer mahnenden und belehrenden Weise, während er mir tief in die Augen sah:"We had four phonecalls because of you!".
    Der Tag war gerettet.
    Um zu zeigen, dass ich eine Lehre aus dem Ganzen gezogen habe, fragte ich den netten Polizisten, ob er mir denn sagen könne, wie ich am besten nach Tampere komme. Er senkte seinen Kopf, um diesen langsam in seine offene Hand gleiten zu lassen. Dann hob er den Kopf wieder und antwortete: "You said, that you have Navigationsystem?". "Yes, but the Battery is down", sagte ich. "Yea, you told us. But you do have a map?", fragte er wieder. "Yes, but it doesn't tell me, where the motorways are", antwortete ich wieder. "Yea, you told us. I will now tell you, what you'll do. You drive this street for about 2 km, then you turn right. At the next trafficlight you turn left again. On this street, on the right side you'll find a gasstation. You'll get into this gasstation. Get some coffee. Charge your Navigationsystem. Check your navigationsystem for the best route. Then you'll mark that rout into your map and then you'll strictly follow the route, the navigationsystem told you. Because I can't tell you the way to Tampere, because it's a very looong Way!"


    Und weg war ich. blöderweise hatte ich die Wegbeschreibung vergessen und auf der Suche nach dieser Tankstelle rutschte die Kupplung immer wieder durch, bis ich wieder keinen Vortrieb mehr hatte. Die Mutter zur Einstellung der Kupplung hatte sich gelöst, sodass die Vorspannung der Kupplungsplatten nachließ und die Platten durchrutschten. Gerade noch rechtzeitig habe ich die Reparatur eingeleitet, denn die kleine Mutter war nur noch eine Umdrehung davon entfernt in dem Motorblock auf nimmer wiedersehen zu verschwinden.

    So flott wie in der nördlichen Einöde kam ich leider nicht mehr vorran. Bei Nykarleby hab ich mich zur Ruhe gelegt.

    Am nächsten Tag ging's ganz gemütlich nach Luhalahti, denn auf die ein oder andere Weise wäre ich an diesem Tag auf jeden Fall angekommen. Irgendwann um die Mittagszeit fand ich den Briefkasten meiner Schwester - Nur das Haus war nicht da. Einen Großteil der Feldwege in der Umgebung hatte ich abgefahren. Nach einer Stunde jedoch wusste ich nicht mehr weiter. Mir blieb also nichts anderes übrig als darauf zu hoffen, dass ich noch etwas Saft auf dem Handyakku hatte. Mein Schwager hat prompt reagiert und fuhr los um mich abzuholen. Und wie wir gemeinsam auf dem Hof einrollten, stand dort auch schon meine liebe Schwester mit der Kamera um diesen epischen Moment digital festzuhalten.

    Es folgten 2 Wochen mit Angeln, Sauna, schwimmen, bootfahren, essen, Reparatur und schlafen. zwischendurch besuchte ich eine Freundin in Järvenpää bei Helsinki.










    Auf dem Weg zurück - gerade als ich Järvenpää hinter mir gelassen hatte, schwamm mein Hinterrad hin und her. Es brach permanent aus und das Problem wurde immer schlimmer.
    Ich ging wieder vom Schlimmsten aus, hatte aber nur einen Platten. Mein Hinterrad war absolut blank und - da muss ich mir mal auf die Schulter klopfen - es war eine gute Entscheidung den Ersatzmantel mitzunehmen!
    Nun, da ich es in einen sicheren Hafen geschafft hatte musste ich die Gelegenheit nutzen dringend auszutauschende Teile zu bestellen.
    In der zweiten Woche kamen dann die Kette, die Kettenriezel und der Gasschieber

    An einem Tag ging's dann bis nach Turku. Hier musste ich am nächsten Morgen an Bord der MS Galaxy die mich nach Stockholm gebracht hat. Mein Schwager war so gütig mir seine Regenhose zu überlassen. In Stockholm hat sie mir gute Dienste geleistet. aber dazu später.




    In Turku gab es in dieser Nacht ein großes Feuerwerk und ich fand ein Plätzchen keine 200 Meter vom Fährhafen entfernt. die MS Galaxy ist das größte Schiff, das ich auf der ganzen Reise genutzt habe. Ich traf zwei junge Kerle aus der Schweiz und einen Mann, der gebürtiger Deutscher war und jetzt in Oslo als Busfahrer arbeitet - er fuhr damals meine Route mit einem sowjetischen LKW. wir haben uns nett unterhalten, denn im Grunde genommen sind diese Reisen auf dem Schiff sehr langweilig. Die Fjorde erscheinen wegen der vielen Inseln bis nach Åland endlos.

    In Stockholm angekommen war es fast dunkel - und wieder einmal stand ich vor dem Problem:

    "Wie zum Teufel komme ich aus Stockholm heraus?"

    Die Verkehrssituation ist furchtbar und ich bin fufzichtausendmal auf die Autobahn gekommen, bis ich endlich die Straße meines Begehrens fand. Hier begann der anstrengenste Part meiner Reise. Wie ich breits schrieb, hatte die Lichtleistung meins Scheinwerfers extrem nachgelassen und nun fuhr ich erstmals im Dunkeln - bei Regel - und mir war kalt. Es war nicht nur die anstrengendste Strecke, sondern auch die gefährlichste. Das Licht entgegenkommender Autos legte sich durch die Tropfen auf meinem Visier wie ein Schleier über meine Augen. Alle Konturen verschwammen für einen kurzen Moment und nach einer Sekunde pendelte ich zwischen den weißen Markierungen der Straße hin und her. Mehr als einmal endete ich abseits der Straße im Geröll.

    Das Visier immer halb oben und mit zugekniffenen Augen kämpfte ich mich so, über einen Großteil der Strecke hinweg, nichts sehend bis nach Uppsala vor.

    Es muss schon sehr spät gewesen sein, als ich an dem Tag vor Claudias Tür stand. Es gab wieder lecker Abendessen von der nicht unbeeindruckten Claudia für den tapferen Leo, der Skandinavien Länge mal Breite mal Höhe auf dem Rücken einer Schwalbe durchquerte.
    Ich kann nicht sagen, dass ich damals besonders angetan war von meiner Reise. Wie bei so vielen Dingen sollten erste sehr viel später auch die positiven Eindrücke in meinen Erinnerungen durchbreche. Damals jedoch gab es nur die Nässe, Müdigkeit, Hunger und die Angst zwischen Leitplanken und LKWs durch die Tore Walhallas gequetscht zu werden.

    Aber all das war für diesen Abend erst mal weg. Es gab Dusche, warmes Essen und Jemanden den ich kannte. Vier Tage lagen noch vor mir.

    Am nächsten Morgen wollte ich nochmal versuchen das Elektrikproblem zu lösen. Claudias schwedischer Nachbar stand mir mit Rat und Tat zur Seite. Er holte sogar eine 12 V Motorradbatterie, die wir angeschlossen hatten um zu testen, ob die Ursache bei der Batterie lag. Leider mit negativem Ergebnis. Nach gut einer Stunde musste ich dann auch diesen sicheren Hafen verlassen.

    Am 16.09 verließ ich Uppsala in Richtung Süden auf der 55. War die Navigation über Karte ohne GPS in Finnland kaum ein Problem, umso schwieriger war sie es nun. das Straßennetz wurde dichter und die Versuchung den nächsten Abzweig zu nehmen wurde auch immer größer.
    Mein Kilometerzähler war schon bei Kilometer 300 ausgefallen. Um die zurückgelegte Entfernung zu messen hatte ich noch die Uhr. Für einen Kilometer brauchte ich bei Standard-Reisegeschwindigkeit eine Minute. Wie lange ich insgesamt für die 6330 Kilometer auf dem Hobel zugebracht habe kann sich jetzt jedes Milchmädchen selber ausrechnen.
    Immer mal wieder befand ich mich auf dem Holzweg - so in nahezu jeder Stadt wurde meine Straße zur Autobahn - die Umgehung zu finden war nicht immer leicht, dank der Karte von Claudias Nachbar aber möglich. Enköping, Strängnäs, Katrinholm, Kumla, Bornsberg, Mjölby, Tranås, Eksjö, Vetlanda, Vaxjö, Älmhult, Hässleholm, Höör, Hörby, Sjöbo, Ystad, Smygehamn, Trelleborg - Es ist wie eine Reise durch die Küchenabteilung von IKEA. Meine erste Übernachtung in der Wildnis nach Uppsala war bei Mjölby, östlich vom See Vättern. In einer Ecke, in der andauernd Jogger vorbeikamen.

    Schon am dritten Tag meiner Rückreise durch Schweden, sollte ich bis nach
    Smygehamn kommen. Das war dann auch die erste Nacht in der ich am Strand geschlafen habe.
    Jetzt hieß es warten. Meine Fähre, die Mecklenburg-Vorpommern, fuhr erst in zwei Tagen. Mir blieb also viel Zeit zum nachdenken. Und ich war so nah dran noch bis nach Malmö zu fahren ( 20 km nördlich ). In Malmö befindet sich der Schwedische Brückenkopf nach Dänemark. Die Stadt hat viele Einwohner mit Migrationshintergrund, woraus viele Probleme gewachsen sind. Wahrzeichen der Stadt ist der größte Lastenkran der Welt, der aufgrund der Wirtschaftskrise in Schweden, viele Jahre lang halbfertiggestellt im Hafen stand. Der Schiffsbau ist in Malmö irgendwann völlig eingebrochen und heute lebt die Stadt von der Brücke nach Dänemark. Viele interessante Projekte wurden hier initiiert, zum Beispiel:

    no ridiculous car trips



    Da aber mein Getriebe nicht sehr gesund klang und ich meine Fähre auf jeden Fall kriegen musste, verschob ich dieses Projekt in die Zukunft.



    Stattdessen schaute ich mir Trelleborg und die Trelleburg an. Dann war es auch schon vorbei mit der Erholung, der Tag der Abreise war gekommen. Die Crew der Meck-Pomm war deutschsprachig und ich quatschte ein bisschen mit den Leuten auf dem Ladedeck. Nicht unstolz kann ich behaupten unter den Top 5 der kuriosesten Kuriositäten zu sein, die diese Leute je gesehen haben.



    Den übrigen Teil der Reise hab ich im schiffseigenen Kino verbracht.



    Nach meiner Erfahrung brauchte es nach Berlin gut und gerne 4 Stunden unter idealen Bedingungen. Ich hätte damit in den frühen Morgenstunden bei meiner Verwandtschaft in Berlin ankommen können - damit stand mein Etappenziel für diese Nacht fest.



    Der Hafen war voller Polizei und wieder einmal hatte ich mich verfahren, ich hatte weder die Richtige Straße noch die richtige Himmelrichtung erwischt. Erst viel zu spät realisierte ich, dass ich mal wieder auf der Autobahn war. Und nicht nur das ! Ich war auch noch auf einer Mautstraße ! Eine Mautstraße! in Deutschland! Wo gibt's denn sowas? Ich musste auch nicht weit fahren, da war ich bei den Mauthäuschen angekommen. Ich erklärte dem netten Herren meinen Fauxpax und, dass ich gerne auf die andere Autobahnseite kommen wolle, der nette Herr war aber leider ein Arschloch. Wir diskutierten hin- und her welche Optionen ich den hätte. Sein Standpunkt war folgender:"Sie können eigentlich nur eins machen: Zahlen Sie 7 € und fahren sie durch den Tunnel, dann wenden Sie, zahlen wieder 7 € und fahren auf der anderen Seite zurück." Ich hab das mal zusammengefasst:" Ich soll also 7€ zahlen, um durch einen Tunnel zu fahren, denn zu durchfahren ich weder will, noch darf und dann soll ich nochmal 7€ zahlen, um wieder den selben Tunnel zu durchfahren, den ich weder durchfahren will noch darf, nur um zu wenden? Guter Mann, warum arbeiten sie nochmal um Mitternacht in einer Blechbude mit der einzigen Aufgabe eine Schranke auf- und zuzumachen?" Sehr unbeeindruckt von meiner Argumentation schlug er sehr eloquent Option B vor: "Sie können auch hier wenden und auf dem Seitenstreifen zurückfahren, aber wenn sie hier auf die andere Seite wechseln werden sie angezeigt." Nun - irgendwann muss der Klügere nachgeben und so schob ich mein Moped auf dem Seitenstreifen der Autobahn bis zur nächsten Ausfahrt. Nach einer Stunde war ich dann endlich aus Rostock raus auf dem Weg Richtung Berlin.
    Hier kam ich aber auch nicht weit, weil man vor lauter Nebel nicht die Hand vor Augen gesehen hat. nach kaum 10 Kilometern schlug ich wieder mein Lager auf - diesmal auf irgendeinem Acker. Es war meine letzte Übernachtung im Zelt.



    Am nächsten Morgen, als ich gerade die Zähne geputzt habe fuhr ein Auto an den Straßenrand. Ich war mir schon sicher, dass es jetzt vom Bauern ordentlich was hinter die Löffel gab. Aber: es war nur ein Berufspendler, der meine Schwalbe gesehen hat und wissen wollte ob ich Hilfe brauche - sehr nett!



    In Berlin sah ich dann noch eine Prüfung der Rettungshunde und irgendwann war ich dann auch wieder in Frohnau. Hier erzählte ich bei Speise und hartem Alkohol von meinen Abenteuern und ruhte mich mal so richtig aus - und duschen ahhhh .... duschen! das war gut!



    So! Eine Kleinigkeit gab's noch zu fahren und den Scotch gab's nur, wenn ich wieder bis nach Dresden komme.
    Im Nachhinein kann ich sagen, dass Brandenburg und Lappland verkehrstechnisch äußerst ähnlich sind. Die letzte Stunde in Sachsen war aber nie-endend.



    Man kommt zuhause an, nach 5 Wochen, öffnet alle Zurrgurte, lädt ab und schiebt das Moped wie immer in den Schuppen. So kann eine Reise mit der Schwalbe aussehen.

  2. #2
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    na da hast du ja die neue Textzeichenbegrenzung voll ausgenützt...

  3. #3
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    Hab den Text schon vor einiger Zeit geschrieben und war angenehm überrascht, dass ich nur ein paar Bilder rausnehmen musste :-)

  4. #4
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    Schöner Bericht! Das Lesen hat Spaß gemacht.

    Peter

  5. #5
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    Sehr schöner Bericht, da muss ich mich den Worten von Peter anschließen, das lesen hat richtig Spaß gemacht.
    Hut ab, vor deiner Leistung, gerade die Tour alleine zu machen. Aller höchsten Respekt.

    Gruß
    Frank

  6. #6
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    Super gut gemacht, vielen Dank dafür, war sehr kurzweilig zu lesen!


    Gruss Stefan

  7. #7
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    Ich lese mir den Rest auch noch durch ist ja einiges

  8. #8
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    Ein sehr schöner Bericht, und alles auf einmal gelesen
    Immer schön den Auspuff freihalten

  9. #9
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    Ich kann mich den anderen nur anschließen, sehr lesenswerter Bericht! Hut ab vor der Leistung. Ich habe mir vorgenommen das Nordkapp auch irgendwann mal mit "Ostschrott" zu absolvieren. Aber nach meiner Erfahrung auf meiner 5000km Tour durch Westeuropa wahrscheinlich nicht alleine.
    R.I.P. Ronny, nur die Besten sterben jung!

  10. #10
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    Vielen Dank für das wohlwollende Feedback !

  11. #11
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    @ Miu, ich habe erst jetzt deinen Reisebericht gelesen. Sehr unterhaltsam, mit witzigen Bemerkungen und einer wahnsinns Leistung. Super, meine Hochachtung.

  12. #12

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    Vielen Dank für den Bericht! Da kommt mir meine geplante Ostseetour im Sommer wie ein Katzensprung vor ;-)

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